Bericht: Andreas Tietze
Unser langjähriges Mitglied in der Freien Wähler Gruppe Ingelheim Otto Stritter ist in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai gestorben. Nach einem Sturz ging alles ganz schnell, er musste nicht lange leiden.
Es ist für uns alle noch immer unbegreiflich, dass Otto nicht mehr in unserer Mitte ist. Seine starke Präsenz ist für viele von uns weiterhin deutlich spürbar.
Auch wenn die körperliche Teilnahme an den FWG-Sitzungen in den letzten Jahren zu anstrengend für ihn wurde, so erreichten uns seine wohldurchdachten Wortmeldungen bis zuletzt unvermindert per Telefon und E-Mail. Und diese Beiträge zeigten Wirkung in der weiteren Diskussion und Entscheidungsfindung.
Otto Stritter war ein Mann mit einem unerschütterlichen, klaren Wertekompass. Frei von politischen Ideologien brachte er sich in das Geschehen und die Entwicklung von Ingelheim ein. Seine Vorschläge und neuen Ideen trug er stets fundiert vor. Ihm ging es immer um das Gute und das praktisch Machbare für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt.
Seit seinem Eintritt in die FWG im Jahr 1992 war Otto bis zu seinem letzten Tag aktiv. Er wirkte über viele Jahre im Stadtrat und in zahlreichen Ausschüssen. Ein besonderes Anliegen war ihm dabei der Bau- und Planungsausschuss. Hier profitierte die Stadt von seiner großen fachlichen Expertise. Er lenkte den Blick in Diskussionen stets auf das Praktikable.
Dieses tiefe Verständnis basierte auf seinem Fundament als gelernter Maurermeister und seiner langjährigen Erfahrung bei der Bauaufsichtsbehörde der Stadt Mainz. Dort war er als Prüfer für Baugenehmigungen überaus erfolgreich. In dieser Rolle war er übrigens nicht nur gefürchtet, weil er die Einhaltung streng kontrollierte, sondern geschätzt, weil er im richtigen Moment ab- und zugeben konnte.
Bei allen baulichen Planungen dachte er zudem immer an die Belange der Feuerwehr, der er selbst als langjähriges, treues Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr eng verbunden war.
Otto interessierte sich auch für die Ziele des Vereins Pro Ingelheim, für die er sich insbesondere im Saalgebiet für Maßnahmen in Sinne von Stadterhaltung und Stadtgestaltung einsetzte.
Otto war ein wacher, leidenschaftlicher und streitbarer Geist. Er konnte unnachgiebig und unbequem sein – vor allem, wenn es um die Sache ging. Er scheute keinen Konflikt und hatte, besonders in den Jahren vor der Bürgerinitiative, auch echte politische Gegner. Doch er argumentierte stets sachbezogen, nie gegen Personen, und zeigte immer großen Respekt vor den Menschen.
Er besaß eine unprätentiöse und schnörkellose Art, Missstände direkt beim Namen zu nennen. Unvergessen ist sein unermüdlicher Einsatz für wichtige Ingelheimer Projekte: Er stritt für die Hallenplanung auf dem Gelände des Neuen Marktes und kämpfte vehement für die Sanierung des Winzerkellers. Als 2016 die Kosten stiegen und politische Bremser aus Angst vor der anstehenden Wahl auf Sparflamme schalten wollen, hielt er ihnen furchtlos in einem Leserbrief an die AZ entgegen, dass dies Angst vor der eigenen Courage sei und man so die Zukunft Ingelheims nicht bewegen könne. Gleichzeitig scheute er sich nicht, Widersprüche offen anzusprechen – wie den Kontrast zwischen den, wie er sie nannte, Protzbauten in der Binger Straße und der damals vernachlässigten Boehringer Grünanlage. Seine Plattform war die geschriebene Sprache: Mit seinen Jedermann-Beiträgen in der FWG-Postille und Leserbriefen in der Allgemeinen Zeitung ließ er den Volksmund sprechen.
Otto verkörperte eine ganz eigene, faszinierende Mischung aus Konservatismus, Geradlinigkeit und einer erfrischenden Offenheit für Neues. Bis ins hohe Alter nutzte er den Computer, recherchierte im Internet und las täglich die AZ, um umfassend informiert zu bleiben. Das Schreiben von E-Mails war für ihn – neben den Besuchen von Familie, Freunden und Nachbarn – das wichtige Fenster zur Außenwelt, während sein Körper ihm zunehmend den Dienst versagte. Dennoch bestritt er seinen Alltag bis zum Schluss weitgehend allein.
Für die FWG, aber auch für ganz Ingelheim, war Otto Stritter ein unschätzbarer Ideen- und Ratgeber. Er kannte die Historie unserer Stadt genau und half Jüngeren sowie Hinzugezogenen oft, Zusammenhänge besser zu verstehen. An seinen klaren Wertmaßstäben konnte man sich orientieren und kalibrieren.
Ein Ritterschlag waren seine Einladungen zu ausgesuchten Weinen aus seinem wohlsortierten Weinkeller, Knabbereien und intensiven Gesprächen zu Ingelheim und die Welt.
Als Zeichen unserer großen Dankbarkeit für seine jahrzehntelangen Verdienste schenkte die FWG Ingelheim Otto zu seinem 90. Geburtstag eine Sitzbank. Folgt man von seinem Haus im Oberböhl der Straße zu dem Feldweg in Richtung Heidesheim, findet man sie auf halber Strecke.
Es ist ein Ort mit schöner Aussicht und Ruhe zum Nachdenken. Wir möchten jeden einladen, ab und zu dorthin hinaus in die Felder zu spazieren, sich zu setzen und sich an Otto zu erinnern.